14. Der Greif und die Sphinx

Während der Befreiungsaktion hatte Morgana bereits einen geraumen Vorsprung, in dem sie bereits aus dem Wald hinausgetreten war. Sie fragte sich die ganze Zeit, wie sie es schaffen könnte, das Land des Söldners schneller als in den von ihm erwähnten 2 Tagesreisen zu erreichen. `Es muss doch eine Möglichkeit geben, schneller zu sein!´ dachte sie entnervt. Sie selbst hatte genauso wenig ein Pferd, wie er und würde dementsprechend genau die selbe Zeit brauchen, nämlich 2 Tage, und das war ihr definitiv zu lang!

Plötzlich fiel ein dunkler Schatten von oben auf sie. Morgana befand sich gerade außerhalb des Waldes, auf einer geraden, noch dazu sandigen Ebene und war daher nicht wirklich geschützt. Sie machte sich bereit, sich mit Hilfe ihrer Magie gegen den Feind zu verteidigen - sie konnte spüren, dass es ein magisches Wesen war, das ihr näher kam - als plötzlich ein riesiges Wesen vor ihr auftauchte. Morgana sah langsam nach oben. Etwas in ihr hielt sie davon ab, den vermeintlichen Feind sofort zu erledigen, und dann wusste sie auch, warum. Vor ihr stand ein riesiger Greif. So einen riesenhaften Vogel hatte sie noch nie gesehen. Mit seinem gewaltigen Schnabel sah er furchteinflößend aus und die Augen blickten sie durchdringend an. Morgana versuchte, sich ihre aufkommende Angst nicht anmerken zu lassen. Etwas war an ihm, das sie nicht einschätzen konnte. “Was willst du?” fragte sie schließlich. “Dir helfen”, sagte er nur. Seine Stimme war heiser, beinahe krächzend. Sie passte beinahe nicht zu seinem gewaltigen und gefährlichem Aussehen. Morgana fragte verächtlich schnaubend: “Mir helfen? Wie kannst du mir helfen?” “Du suchst Nirar, ist es nicht so?” fragte er und dieses Mal verschlug es Morgana tatsächlich die Sprache. “Woher..” fragte sie, doch der Greif unterbrach sie rüde. “Woher ich das weiß ist nebensächlich. Ich weiß es eben.. Es liegt an dir, ob du mein Angebot annimmst; wenn nicht, dann wirst du noch Ewigkeiten durch die Ebene stapfen, und es wird fraglich sein, ob du Nirars Land überhaupt erreichst.. Doch wenn du mein Angebot annimmst werden wir in weniger als 1 Tag dort sein! Es liegt an dir!”

Morgana blickte ihn immer noch zweifelnd an. Was hatte er davon, wenn er ihr half? Niemand machte so etwas uneigennützig, und so wie es aussah, war er ihr gefolgt… Doch auf der anderen Seite hatte er Recht. Wenn sie weiter lief würde es zu lange dauern, ihre Geduld war jetzt schon ziemlich ausgeschöpft… “Also gut. Sag mir nur noch eines: Warum tust du das? Was willst du von mir für deine Hilfe?” Aus der Kehle des Greifes ertönte ein Geräusch, das sich anhörte, als ob er lachte. Dann war er still und nach einigen Sekunden antwortete er: “Wenn wir Nirars Land erreicht haben, werde ich dir schon sagen, was ich begehre… Keine Angst, es ist nicht dein Leben”, fügte er hinzu. Morganas Augen blitzten. “Ich würde es dir auch nicht geben!” antwortete sie spitz und dann nickte sie. “Also gut. Bring mich in sein Land!” Der Greif nickte und Morgana saß auf seinem Rücken auf. Die Federn waren weich und sie hatte Schwierigkeiten sich festzuhalten, doch schließlich schaffte sie es. Der Greif zögerte nicht lange, sondern erhob sich in die Lüfte und Morgana kam es so vor, als würde die Welt unter ihr davon gleiten. Doch in Wirklichkeit war sie es, die der Welt davon flog…


Merlin, Arthur und die Ritter folgten dem Weg, den auch Morgana eingeschlagen hatte. Da sie ritten, hatten sie schon ein ganzes Stück des Weges zurück gelegt. Leeana saß hinter Merlin und hatte ihre Hände um ihn geschlungen. Merlin hielt mit einer Hand die Zügel, während er mit der anderen Hand Leeanas Hände streichelte. Er lächelte, als er fühlte, dass sie ihren Kopf auf seinen Rücken legte und anscheinend ein wenig schlief - dieses Mal war es ein normaler, gesunder Schlaf, der der Genesung diente. Auch Jade, die hinter Sir Gwain saß, hatte die Augen geschlossen. Nur Elle, die mit Sir Leon auf einem Pferd ritt, sah sich genau wie Arthur, Merlin und die Ritter aufmerksam die Umgebung an.

Neben Merlin ritten Arthur und Sir Lancelot, der auf seinem Pferd den Söldner beherbergte, und Merlin stieg immer noch die Galle hoch, wenn er nur an ihn dachte. Es gefiel ihm nicht, dass sie auf ihn angewiesen waren um in dieses fremde Land zu gelangen, und noch weniger gefiel es ihm, dass sie die Mädchen mitnehmen mussten. Doch es musste wohl so sein, denn dieses Mal hatte Arthur ihm unmissverständlich klar gemacht, wer jetzt das Sagen hatte..

Und außerdem sollte er nicht undankbar sein. Arthur hatte wirklich die ganze Zeit alles getan, um die Mädchen, und auch Elle, zu finden, auch, wenn er teilweise anderer Meinung war. Trotzdem hegte er Zweifel. Arthur hatte argumentiert, dass Morgana die Mädchen in Camelot entführt hatte - was sicherlich auch korrekt war - doch nun bestand diese Gefahr im Grunde nicht mehr, da Morgana auf dem Weg in ein anderes Land war, und sie ihr nachreisten! Jetzt waren die Mädchen - und auch Elle - in größerer Gefahr, als wenn sie zurück nach Camelot gebracht worden wären… Doch Merlin wusste, dass es keinen Sinn hatte, mit Arthur noch einmal darüber zu reden. In diesem Punkt war er stur. Es blieb ihm nur, die Augen offen zu halten und sie mit allem zu verteidigen, was er hatte - und wenn es mit seinem Leben war!

Während er in Gedanken vertieft war, traten auch sie aus dem Wald heraus und kamen an eine weite und somit ungeschützte Ebene. Merlin versteifte sich unmerklich und auch Arthur und die Ritter waren in Alarmbereitschaft. Es gefiel keinem von ihnen, dass sie keine Bäume mehr als Schutzmöglichkeit hatten, doch keiner von ihnen bemerkte einen möglichen Feind. Arthur sah den Söldner an und fragte ihn durchdringend: “Wohin geht es jetzt? Und denk ja nicht daran, uns in die Irre zu führen!” Lassar schüttelte den Kopf. “Einfach geradeaus. Die Ebene ist lang, aber wenn sie vorüber ist, beginnt mein Land. Allerdings gibt es ab dort genug andere wie mich, die nicht so “freundlich” sind…” Er grinste - und blickte auf Leeana, die immer noch schlafend an Merlins Rücken lehnte. Merlin sah ihn an. In seinen Augen funkelte es und sein Blick wurde hart. Arthur reagierte sofort, in dem er dem Söldner antwortete: “Lass das mal unsere Sorge sein. Wir werden mit deinen Kumpanen schon genauso fertig, wie mit dir! Und ich gebe dir einen guten Rat! Lass deine Augen von ihr! Sieh geradeaus! Und noch etwas: Solltest du noch ein einziges Mal deine Finger an sie - oder das andere Mädchen - legen, dann kann ich nicht mehr dafür garantieren, dass ich Merlin davon abhalten kann, seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen; habe ich mich klar ausgedrückt?” Zum Ende hin wurde Arthurs Stimme lauter, drohender und Lassar nickte. “Ja, Ihr habt Euch klar ausgedrückt, Mylord… Es war auch nicht so gemeint; Es scheint mir, dass Euer Freund keinen Spaß versteht..” Wieder grinste er.

“Dein Lachen wird dir noch vergehen, du.. Missgeburt…” grollte Merlin, der bis jetzt still gewesen war. Er war Arthur dankbar, dass dieser sich für Leeana eingesetzt und sie verteidigt hatte, doch er zweifelte, dass es reichen würde. Er konnte tatsächlich nicht dafür garantieren, dass er seinen Gefühlen nicht doch noch nachgeben würde; und die waren immer noch stark, wenn er an die Tat dachte, die er gerade noch rechtzeitig verhindert hatte… “Merlin! Es ist gut jetzt. Wir reiten weiter; Merlin, vielleicht solltest du hinter mir reiten, damit uns keine weitere “Vorkommnisse” den Weg erschweren..” Merlin schwieg und tat, wie Arthur ihm geheißen hatte. Nun ritten Arthur und Lancelot nebeneinander und Merlin ritt hinter Arthur. Lassar hatte sich wieder nach vorne gedreht; Arthur hatte ihn im Blick. Sir Gwain wandte sich zu Merlin und fragte ihn: “Ist alles in Ordnung, Merlin?” Dieser nickte nur. Doch an Sir Gwains Blick erkannte Merlin, dass er ihm nicht glaubte. Auch Sir Leon, der neben Sir Gwain ritt, zweifelte. Sie nahmen sich beide vor, sowohl den Söldner als auch Merlin im Auge zu behalten.

Schließlich ritten sie weiter über die Ebene. Arthur war die Ungeduld anzumerken. Von Morgana war weit und breit nichts zu sehen, was auch Merlin irgendwie komisch vorkam, da sie, laut der Aussage des Söldners, eigentlich gar nicht so einen großen Vorsprung haben müsste. Eigentlich hätten sie sie schon eingeholt haben müssen - schließlich war sie, soweit sie wussten, zu Fuß unterwegs; im Gegensatz zu ihnen, die ritten.. Aber sie hatten weder Spuren von ihr ausmachen können, geschweige denn, dass sie sie gesehen hatten. Irgend etwas stimmte doch hier nicht…

Während sie noch die Ebene durchritten, erwachte Leeana langsam aus dem kurzen Schlaf, in den sie gefallen war. Sie wusste zuerst nicht ganz, wo sie waren; aber nach einigen Sekunden fiel ihr wieder ein, dass sie endlich von Merlin, Arthur und seinen Rittern befreit worden waren. Sie lächelte. Dann fiel ihr plötzlich etwas ein. Hatte sie es sich nur eingebildet, oder hatte sie während ihrer Gefangenschaft, nachdem Morgana ihr die Folterung angetan hatte - Leeana musste frösteln, als sie daran dachte - tatsächlich Merlins Stimme in ihrem Kopf “gehört”, oder war das nur Einbildung gewesen? Einer plötzlichen Eingebung folgend “sprach” sie in Gedanken: ´Merlin? Kannst du mich hören?´

Merlin war zuerst erfreut, als er Leeanas Stimme hörte, denn sie war aus ihrem Schlaf erwacht und es schien ihr gut zu gehen. Doch dann wunderte er sich etwas und fragte sich, weshalb sie ihn fragte, ob er sie hören konnte.. “Hallo Leeana. Sicher kann ich dich hören. Oder hab ich die Frage jetzt falsch verstanden?” Sir Gwain und Sir Leon sahen ihn an und in ihren Augen stand Verwirrung. “Was meinst du, Merlin?” fragte dann auch Sir Leon und jetzt war Merlin derjenige, der ihn verwirrt anblickte. Doch bevor er zu einer Antwort ansetzen konnte, “hörte” Merlin erneut Leeanas Stimme in seinem Kopf: ´Merlin, ich, ich habe das nicht laut gesprochen, sondern in Gedanken.. Weißt du noch, als wir gefangen waren? Du hast nach mir gerufen, und ich habe dich “gehört”… In meinem Kopf… Und dann habe ich versucht, zu antworten.. Aber ich weiß nicht, ob das geholfen hat; irgendwann bin ich ja ohnmächtig geworden… Was hat das zu bedeuten??´

Merlin konnte zuerst nichts antworten, weil er es selber kaum fassen konnte. Er spürte immer noch die Blicke von Sir Gwain, Sir Leon und auch Elle und Jade auf sich, doch die ignorierte er. Dann antwortete er schließlich - ebenfalls in Gedanken, ohne die Worte laut auszusprechen. Er musste es ausprobieren: ´Kannst du mich auch verstehen?´ Leeanas Worte kamen auf die gleiche Weise zurück: ´Ja, Merlin, das kann ich. Was bedeutet das?´ Merlin lächelte. `Das wir telepathisch verbunden sind.. Weshalb kann ich auch nicht sagen, aber es ist so…´ Leeana lächelte ebenfalls: ´Das hat etwas zu bedeuten Merlin. Ich weiß es!´ Merlin nickte nur und drückte sanft ihre Hände. Ja, das hatte es. Er wusste zwar auch nicht was, aber das war auch egal. Momentan genoss er die Tatsache, dass sie sich telepathisch miteinander austauschen konnten.

Plötzlich hörte er eine andere Stimme neben sich, die nicht Leeana gehörte und laut gesprochen wurde: Sir Gwain hatte sich an ihn gewandt und fragte: “Ist wirklich alles in Ordnung, Merlin?” Auch Arthur war auf sie aufmerksam geworden. Er zügelte sein Pferd und sah Merlin an. “Was ist los?” fragte er, seine Stimme klang besorgt. Merlin seufzte. Eigentlich wollte er es nicht an die große Glocke hängen und überlegte auch, ob er es überhaupt jemandem erzählen sollte; doch dann entschied er sich dafür. Wenigstens Arthur und die Ritter mussten es wissen; doch er wollte verhindern, dass Lassar es mitbekam. Langsam drehte er sich zu Arthur hin und flüsterte: “Es ist alles in Ordnung, Sire.” Er sah kurz nach vorne zu Sir Lancelot und dem Söldner, der nach vorne schaute und nicht den Anschein machte, als ob er etwas mitbekam. Hoffentlich irrte er sich nicht.. Trotzdem zügelte er sein Pferd und ritt etwas langsamer. Dann fuhr er fort: “Zwischen Leeana und mir ist gerade eine neue magische Verbindung aufgetreten.. Ihr erinnert Euch doch noch, dass ich ihre “Stimme” gehört hatte, die nach mir gerufen hatte? Nun, sie hat mich auch gehört, bevor sie ohnmächtig geworden ist.. Und nun haben wir festgestellt, dass die telepathische Verbindung nicht nur einmalig war oder aus der Stresssituation heraus entstanden ist, sondern wohl dauerhaft anhält. Wir können uns immer noch telepathisch “unterhalten”, und das haben wir gerade getan.. Ich habe es nur zu Beginn noch nicht gemerkt, deswegen habe ich Leeana laut geantwortet, als sie mich telepathisch angesprochen hat; das habt Ihr gehört, Sir Leon..”

Sowohl Arthur als auch die Ritter und Elle und Jade, die es ebenfalls mitbekommen hatten, sahen verwirrt zu Merlin und dann zu Leeana. Wenn sie etwas wussten, dann, dass das Auftauchen von Magie und neuen magischen Kräften nichts zufälliges mehr war. Doch was für eine Bedeutung das ganze hatte, war noch nicht sicher. Sie würden es noch herausfinden. Schließlich nickte Arthur und mit einem Blick auf Lassar sagte er ebenso leise: “Wir sollten das für uns behalten. Eure neue Gabe kann sicherlich von Vorteil sein, vor allem, wenn Lassar nichts davon erfährt…” Merlin nickte. Es war ihm sehr recht. Auch er fand es besser, wenn der Söldner nicht wusste, was sie neu an sich entdeckt hatten. Und Morgana schon gar nicht! Merlin wurde kalt. Nicht auszudenken, wenn sie es heraus fand und sich die Fähigkeit auch aneignete.. Nein, das durfte nicht geschehen! Er wusste immer noch nicht, wie er sie bekämpfen sollte, ohne Gefahr zu laufen, auch seine Fähigkeiten, die nicht gering waren, an sie zu verlieren.. Noch dazu, wo die Fähigkeiten, wie er nun bemerkte, immer noch anstiegen, bzw. neue hinzukamen… Es war zum Haare raufen.. Dennoch hatte er noch Zeit, sich etwas einfallen zu lassen, noch war es nicht soweit. Sie hatten ja noch nicht einmal Spuren von ihr gefunden..

Nun kam ihm erneut die Frage in den Sinn, weshalb sie eigentlich noch keine Spur von ihr hatten. Er wollte gerade ansetzen, Arthur danach zu fragen, als er etwas spürte. Merlins Muskeln spannten sich an.  Etwas war hier. Nicht Morgana, das konnte er spüren, doch er fühlte die Anwesenheit einer Macht, die größer war, als er sie jemals gekannt hatte. Eine fremde Macht, und er konnte noch nicht ausmachen, ob sie gut oder böse war…

Merlin hielt sein Pferd an und rief Arthur. Dieser hieß seine Ritter anzuhalten und diese zogen ihre Schwerter. Arthur sah ihn an. “Was ist los, Merlin? Ist Morgana hier?” Merlin schüttelte den Kopf. “Nein, nicht Morgana. Ihre Anwesenheit spüre ich nicht.. Aber etwas anderes..” “Was?” fragte Arthur. Ihm war die Anspannung deutlich am Gesichtsausdruck und an der Körperspannung anzusehen. Merlin schüttelte den Kopf. “Ich weiß es nicht, Sire. Aber es ist hier in der Nähe.. Und ich kann nicht ausmachen, ob die Macht uns gut oder schlecht gesinnt ist… So etwas habe ich noch nie gespürt..” In Arthurs Blick war Skepsis zu erkennen. Es war ihm deutlich anzusehen, was er dachte. Was würde das wohl für ein Wesen sein, das Merlin nicht kannte, und das er nicht einmal einordnen konnte? Schließlich sah er Lassar an, der die ganze Zeit verdächtig ruhig gewesen war… “Was verschweigst du uns? Weißt du etwas über dieses Wesen? Und weshalb es sich nicht zeigt?”

Lassar schüttelte den Kopf. Merlin zweifelte. Er fühlte, dass er log. Doch weshalb? Dann hörte er Leeanas Stimme in seinem Kopf: ´Er lügt, Merlin. Was auch immer hier ist, er weiß etwas! Das spüre ich!´ Merlin nickte unmerklich, dann antwortete er ebenfalls telepathisch: ´Ja, das merke ich auch..´
Leeana sah sich um. Auch sie spürte etwas Fremdes, doch im Gegensatz zu Merlin ahnte sie, dass es sich um kein schlechtes Wesen handelte. Und es war ganz in ihrer Nähe; eigentlich direkt neben ihnen… Sie teilte ihre Gedanken mit Merlin und auch dieser sah sich um. Was er sehen konnte, waren Felsen. Sie befanden sich auf weiter, sandiger Ebene. Und dann hielt sein Blick plötzlich an und er fuhr langsam zurück. Sein Blick blieb auf einem großen Felsen haften, vor dem eine riesige, aus gelbem Sand bzw. Stein bestehende Skulptur aufgestellt war. Sie sah aus wie eine riesige Sphinx..

Merlin kniff die Augen zusammen. Etwas an ihr war merkwürdig… Und dann gingen ihm beinahe die Augen über. Es sah es plötzlich. Die Sphinx, die er für eine Skulptur gehalten hatte, war echt! Sie bewegte sich nicht, doch es war ein lebendiges Wesen! Ein Wesen der alten Welt. Es gab nicht mehr viele von ihnen, da Arthurs Vater in seiner Zeit, in der alle Magie verboten war und unter Todesstrafe gestellt wurde, auch diese Wesen beinahe vollständig ausgelöscht hatte..

Jetzt konnte Merlin verstehen, weshalb er die Macht nicht einordnen konnte. Sphinxen waren nicht zu katalogisieren. Sie standen in der Regel auf keiner “Seite” und hatten ihre eigenen Regeln. Und sie waren unberechenbar.. Es stellte sich auch die Frage, was sie jetzt tun sollten. Sollte er ihr zeigen, dass er sie entdeckt hatte?
Doch die Frage hatte sich erledigt, als sich die riesige “Skulptur” plötzlich erhob. Merlin hörte erstickte Rufe neben sich und er spürte, wie Arthur, der sich mittlerweile eigentlich an die zurückkehrende Magie in seinem Land gewöhnt hatte, dennoch zurück wich. So etwas hatten weder er noch die Ritter jemals gesehen - und sie hatten Angst. Sogar Arthur, auch, wenn er sich zusammen riss. Er und die Ritter hielten die Schwerter hoch, doch Merlin schüttelte den Kopf. Er legte Arthur die Hand auf die Schulter und sah ihn an. Arthur verstand. Langsam nickte er den Rittern zu und diese senkten, wenn auch skeptisch, die Schwerter. Dann warteten sie und sahen, wie das Wesen immer näher kam…

Schließlich stand es vor ihnen. Es war riesig, und alle, selbst Merlin, mussten schlucken. Er spürte seinen Herzschlag bis zum Hals und er fragte sich, was das Wesen nun von ihnen wollte. Auf wessen Seite stand es? Merlin musste sich eingestehen, dass es imposant war, und es ihm leid tun würde, es bekämpfen zu müssen.. Die Sphinx sah auf sie herab. Sein Blick war unergründlich. So hatte sich Merlin Sphinxen immer vorgestellt. Mächtig, imposant - und im Blick die Rätsel der ganzen Welt… Er musste die Augen kurz abwenden. Dann hörten sie eine Stimme, dunkel, dröhnend: “Du musst Merlin sein. Der große Zauberer, der das Land von dem Unterdrücker Uther Pendragon gerettet hat..” Merlin hörte einen kurzen Ton von Arthur, der wohl etwas erwidern wollte, doch durch einen warnenden Blick von Merlin daran gehindert wurde. Doch das interessierte die Sphinx herzlich wenig. Das Wesen fuhr fort: “Durch dich ist die Magie wieder zurück gekehrt. Ich habe gewusst, dass du eines Tages herkommen würdest..”

Nun konnte Arthur doch nicht mehr an sich halten: “Dann weißt du sicherlich auch, was wir hier wollen. Ist dir eine Hexe begegnet? Weißt du, wo Morgana ist?” Er hatte die Frage geradeheraus gestellt, und alle hielten nun den Atem an. Merlin hätte seinen Herrn am Liebsten mal wieder in den Allerwertesten getreten, da dieser seiner Meinung nach mal wieder zu unüberlegt gehandelt hatte. Eine Sphinx zu verärgern war nicht sehr hilfreich und zudem auch gefährlich.. Doch diese schaute gar nicht zu Arthur. Es schien beinahe, als wären alle, abgesehen von Merlin, Luft für ihn und gar nicht anwesend… Dennoch wusste Merlin, dass sie Antworten brauchten und schließlich wiederholte er seufzend die Frage: “Bitte, wenn du etwas weißt, dann sag es uns. Es ist wichtig, dass wir wissen, wo sich Morgana - unsere Feindin und eine dunkle Hexe - aufhält. Ist sie dir begegnet?”

Die Sphinx blickte ihn an und nach einigen Sekunden schüttelte sie langsam den Kopf. Merlin wollte schon aufgeben, als er erneut seine Stimme hörte: “Begegnet ist sie mir nicht, und sie kam auch nicht an mir vorbei, so wie ihr, aber sie hat ein anderes Mittel gefunden.. Sie hat sich magischer Hilfe bedient. Ein ebenso altes Wesen wie ich hilft ihr. Ein Greif. Mit seiner Hilfe hat sie einen großen Vorsprung. Sie dürfte sich bereits in Nirars Land aufhalten…” Alle starrten ihn an. Er wusste darüber bescheid? Leeana war die einzige, die es verstand und schließlich aussprach, was sie dachte: “Du weißt alle Geheimnisse dieser Welt, oder?” Die Sphinx nickte. Nun hielt Arthur es tatsächlich nicht mehr aus: “Dann erzähl uns, was du weißt!…” Weiter kam er nicht. Die Sphinx sah ihn durchdringend an, und in ihrem Blick stand etwas, was Merlin frösteln ließ. “Ich soll Euch erzählen, was ich weiß, Mylord? Nun, wenn ich dies tue, seid Ihr bis an die Ewigkeit hier gefangen.. Wollt Ihr das?” Merlin mischte sich ein, bevor Arthur noch etwas falsches antworten konnte. “Nein, das will er sicherlich nicht.. Er meinte es nicht so! Was er meinte war die Bitte, uns zu erzählen, was wir über Morgana wissen müssen. Wo sie ist und was sie vorhat… Alles, was du darüber weißt. Und es war natürlich auch kein Befehl, sondern eine Bitte. Es liegt natürlich an dir, uns zu helfen. Und wir wissen, dass wir in deiner Schuld stehen…” Arthurs Augen funkelten, als er Merlin ansah. Merlin musste schlucken, denn im ersten Augenblick fühlte er sich an früher erinnert, als er noch in Arthurs Diensten als Diener gestanden hatte, und sich Ärger eingehandelt hatte. Arthur stand kurz vor einem Ausbruch, das fühlte er. Dennoch war es nötig, wollten sie tatsächlich Hilfe von der Sphinx bekommen und nicht von ihr vernichtet werden; denn dass diese dazu in der Lage war, war Merlin klar. Und auch Leeana wusste es. Auch sie sah die Sphinx an - und diese blickte zurück. Merlin wurde ganz anders. Was wollte das Wesen nun von Leeana?…

Doch Merlins Ängste waren unbegründet. Der Blick zwischen der Sphinx und Leeana war klar und bedeutete Gutes. Schließlich nickte die Sphinx. Sie beantwortete Merlins Frage: “Nun, ich weiß etwas über Morgana und über Nirar. Doch es ist noch zu früh, jetzt darüber zu sprechen. Es würde auch zu lange dauern. Der Greif hat bereits Vorsprung. Sie dürfte bereits seit einiger Zeit in Nirars Land angekommen sein.” Nun mischte sich Arthur doch wieder ein. “Wie kann das sein? Lassar” er zeigte auf den Söldner “hat uns etwas von 2 Tagesreisen bis in sein Land gesagt.. Morgana hat nicht so einen riesigen Vorsprung, dass sie schon da sein kann!” Die Sphinx blickte ihn nicht an, und nach einigen Sekunden Stille erwiderte er: “Ein Greif kann fliegen! Und das sehr schnell. So ist er in der Lage, einige Stunden zu überbrücken. Glaubt mir oder nicht, wenn ich sage, dass sie bereits im Lande ist. Wenn ich euch helfen soll, dann entscheidet euch. Jetzt.” “Natürlich sollst du uns helfen!..” grollte Arthur, doch Merlin schnitt ihm erneut das Wort ab: “Es wäre uns eine Ehre, wenn du uns helfen würdest!” Auch Leeana war zu der Sphinx getreten und hatte ihr weiches Fell gestreichelt. Sie blickte zu ihr hoch und nickte. “Bitte” sagte sie nur. Die Sphinx stand immer noch vor ihnen und schwieg.

Dann sah er sowohl Merlin als auch Leeana an und nickte. “Wenn ihr es so wollt. Die einzige Möglichkeit, noch rechtzeitig ins Land zu kommen, ist die auf meinen Rücken zu klettern. Ich werde euch tragen. Ich bin nicht so schnell wie der Greif, denn ich kann nicht fliegen; aber ich werde schneller sein als ihr zu Pferde"…
Zuerst schwiegen sie alle. Dann fragte Merlin: “Und du kannst uns alle tragen?” Er sah zu Arthur, den Rittern und ihren Schützlingen. Die Sphinx sah ebenfalls auf sie und antwortete: “Wenn ihr sicher seid, dass ihr sie alle mitnehmen wollt… Ja…” Er hatte es mit einem Seitenblick auf Merlin gesagt, und dieser senkte für einen kurzen Augenblick schuldbewusst den Kopf. Er fühlte sich ertappt.

Arthur hatte es schon bemerkt, doch er ignorierte es. Zudem war er immer noch etwas verstimmt über dessen Einmischung: “Natürlich sind wir sicher! Also, du trägst uns alle? Und was ist mit den Pferden?” “Die müsst ihr hier lassen… Tiere kann ich nicht tragen. Ihr könnt sie in der Höhle unterstellen, die ich die meinige nenne..” Merlin wusste, welcher er meinte. “In Ordnung. Ich würde vorschlagen, Sire, dass wir das nun tun und dann machen wir uns auf den Weg. Ich spüre, dass es Zeit wird, Morgana zu folgen…”

Arthur nickte. Er war immer noch verstimmt, doch im Grunde wusste er, dass Merlin Recht hatte. Manchmal kam eben doch etwas von seiner alten Art durch, doch das würde sich legen; das wusste auch Merlin und so trug er es ihm nicht nach.
Schließlich taten sie wie ihnen geheißen und sie versteckten die Pferde in der Höhle, vor der Merlin die Sphinx das erste Mal gesehen hatte. Sie ließen das Proviant, das für die Pferde gedacht gewesen war und etwas Wasser bei ihnen und hofften, dass es ausreichen würde, bis sie wieder zurück kamen. Wann auch immer das sein würde… Dann gingen sie hinaus. Die Sphinx hatte, nachdem sie draußen waren, den Eingang verschlossen und sich vor die Höhle gelegt. Nun wartete sie geduldig, bis zuerst Arthur, nach ihm Merlin und dann die Ritter und ganz hinten die Mädchen und Elle auf seinem Rücken Platz genommen hatten. Sie alle passten mühelos auf ihn. Merlin war beeindruckt und selbst Arthur konnte sich eines gewissen Gefühls nicht erwehren, das dem ziemlich nahe kam…
Schließlich war es soweit. “Haltet euch fest!” sagte die Sphinx danach stand sie auf - und sie mussten sich tatsächlich an seinem Fell festhalten und zur Sicherheit alle noch aneinander. Dann begann der “Ritt”, den so niemand von ihnen jemals erlebt hatte, nicht einmal Arthur. Auch ihm wurde schwindelig, als er die Landschaft nur so an sich vorbei rasen sah…

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Christal, 31
Traumland